Prof. Dr. Fuat Sezgin

Gründungsgeschichte


Der Gedanke, die in der kreativen Periode der arabisch-islamischen Wissenschaften zwischen den Anfängen des 9. und dem Ausgang des 16. Jahrhunderts n. Chr. bekannten und verwendeten Instrumente und Vorrichtungen nachzubauen, entstand im Rahmen der Projekte des Instituts für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften an der J.W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main kurz nach seiner Gründung im Jahre 1982. Eine Reihe von Instrumenten und Vorrichtungen haben die Muslime im Zuge der Rezeption der Wissenschaften von anderen Kulturkreisen, besonders von den Griechen übernommen, die meisten weiterentwickelt und viele selbst erfunden. Von allen diesen sind uns nur einige wenige astronomische, medizinische, chemische und der Zeitmessung dienende Instrumente erhalten. Es ist ein grosses Glück in der Geschichte der Wissenschaften, dass arabisch-islamische Gelehrte die von ihnen verwendeten Instrumente und Vorrichtungen in zahlreichen Traktaten und umfangreichen Werken beschrieben und zum Teil gezeichnet haben, wovon uns einige wenige erhalten oder bekannt sind. Dazu gehören ein umfangreiches medizinisches Buch das Kitab at-Tasrif von Abu l-Qaim az-Zahrawi (aus dem 10. Jahrhundert n.Chr.), das al-Jami‘ bain al-‘ilm wa-l-‘amal von Ibn ar-Razzaz al-Jazari (1200 n.Chr.) über Physik und Zeitrechnung und das Jami‘ al-mabadi’ wa-l-ghayat von Abu l-Hasan al-Marrakushi (13. Jahrhundert n.Chr.) über Astronomie.

Auf die Bedeutung dieser Werke und weiterer Abhandlungen über Instrumente haben mehrere meiner verdienten orientalistischen Vorgänger im 19. Jahrhundert aufmerksam gemacht. Einer von ihnen ist der Erlanger Physiker und Wissenschaftshistoriker Eilhard Wiedemann, der sich länger als ein halbes Jahrhundert seines Lebens, zwischen 1875 und 1928, der Untersuchung der naturwissenschaftlichen Leistungen des arabisch-islamischen Kulturkreises gewidmet und darüber mehr als 200 Studien veröffentlicht hat. Es ist für mich eine angenehme Pflicht, mit Anerkennung und Dankbarkeit zu erwähnen, dass Wiedemann der erste ist, der um 1900 begonnen hat, einige der Instrumente arabisch-islamischer Gelehrter nachbauen zu lassen. Fünf seiner Nachbauten hat sogar das Deutsche Museum in München 1911 angekauft.

Als ich im Jahr 1983 begann, die mir aus Quellen und Studien bekannten Instrumente und Vorrichtungen zu rekonstruieren, dachte ich an ein mir heute im Rückblick als zu bescheiden empfundenes Ziel einer Sammlung von etwa 20 bis 30 Modellen, die nicht mehr erhalten sind, sowie von solchen, die Vorgängern unter den Orientalisten nicht bekannt oder von ihnen beschrieben worden sind. Ich musste sie in Quellen, meistens in Handschriften, aufspüren, verstehen und diejenigen Personen finden, die sie nachbauen konnten; dafür war nicht nur Geduld notwendig. Schon 2003 war in den dafür zu engen Räumen des Frankfurter Institutes ein Museum mit 800 Exponaten zur Geschichte der Wissenschaften und Technik im Islam entstanden, das allerdings noch nicht offiziell eröffnet worden ist. Es wird jedoch jährlich bereits von mehreren Tausend Interessenten nach Terminabsprache besucht. Vor ca. 12 Jahren war es für mich schon anregend und ermutigend, anlässlich des Tages der Offenen Tür der hessischen Universitäten das grosse Interesse und auch das Überraschtsein von ca. 1500 Besuchern zu erleben.

Dieses Museum hatte schon einen gewissen Grad der Bekanntheit erlangt, als der ausführliche fünfbändige Katalog mit dem Titel Wissenschaft und Technik im Islam im Jahre 2003 erschien; ein Jahr später folgte die französische Übersetzung. Seit zwei Jahren steht auch die türkische Übersetzung zur Verfügung. Die englische Übersetzung befindet sich kurz vor dem Druck. Von der arabischen Übersetzung ist der erste Band bereits vor zwei Jahren erschienen; der zweite könnte in zwei oder drei Monaten in Druck gehen.

Mehrfach wurde von anderen Ländern oder Institutionen der Wunsch geäussert, Objekte eine bestimmte Zeit auszustellen oder gar durch Kopien der Frankfurter Exponate ein eigenes ähnliches Museum wie das in Frankfurt zu gründen. So besuchte im Jahre 2005 der damalige türkische Minister für Kultur und Museen Herr Attila Koç das Institut in Frankfurt und brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, in Istanbul ein ähnliches Museum zu gründen. Dies wäre für mich die Erfüllung eines Traumes, doch leider hat sich vor allem das vorgeschlagene Gebäude als nicht geeignet erwiesen. Ähnliche Wünsche einer Museumsgründung äusserten die Türkische Akademie der Wissenschaften (TÜBA) und TÜBITAK (die Türkische Gemeinschaft für Technik, Wissenschaft und Forschung).

Ein grosses Glück bedeutete es, dass ich im September 2006 in Istanbul durch einen Freund, Herrn Cevdet Akçali, von einem historischen Gebäudekomplex im Gülhane Parkı, dem Marstall der Sultane, erfuhr, dessen Restaurierung nach sechs Jahren fast abgeschlossen war. Bei einer Besichtigung war ich fasziniert von den Gebäuden und ihrer Lage. Es galt, die Stadt Istanbul, in deren Besitz sich die Has Ahırlar Binalar befinden, für das Museum zu gewinnen. Der Oberbürgermeister Herr Dr. Kadir Topbaş hielt sich zu dem Zeitpunkt im Ausland auf, kam aber - ich kann das nur mit Dankbarkeit erwähnen - kaum eine Woche, nachdem er von der Idee erfahren hatte, nach Frankfurt, um sich das Institut und vor allem das Museum anzusehen. Wenige Tage nach seiner Rückkehr teilte er die Zustimmung der Stadt mit unter der Bedingung, dass der Gründung des Museums die Übersendung der auszustellenden Instrumente so schnell wie möglich folgen sollte. Im Januar 2007 wurde der Vertrag über die Gründung des Museums unterschrieben. Am nächsten Tag stattete ich in diesem Zusammenhang dem Ministerpräsidenten Herrn Recep Tayyip Erdoğan einen Besuch ab, der sich sehr interessiert und voller Zustimmung zeigte. Per Kabinettserlass wurde des weiteren die Gründung eines Zentrums für Geschichte der Wissenschaften verfügt, dass in den beiden Nebengebäuden des Museums untergebracht werden sollte.

Es war eine glückliche Fügung, dass wir schon 23 Jahre zuvor auf den Wunsch und mit der Finanzierung durch einen grossherzigen arabischen Freund für ein Ausstellungsprojekt in den USA mit den Vorbereitungen begonnen hatten. Mit Zustimmung des Sponsors konnten wir etwa 80 Prozent der Instrumente dem neuen Istanbuler Museum als Geschenk zur Verfügung stellen. Die Finanzierung der fehlenden Ausstellungstücke hat der türkische Staat übernommen, wie er überhaupt nicht gezögert hat, die übrigen für diese Projekte notwendigen Gelder grosszügig bereitzustellen. Der glückliche Beginn dauerte nicht lange an, da ein Architekt fast alle Zuständigkeiten und Befugnisse an sich ziehen durfte. Was er hinterlassen hat, bestand nicht nur architektonisch, sondern auch museal aus einem Chaos. Wir mussten die von ihm angerichteten Schäden und Fehler so weit wie möglich beseitigen; aber alles wird nicht zu beseitigen sein.

Die Gründung des Museums für Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam in Istanbul und zuvor in Frankfurt wurde angetrieben von der Überzeugung der Einheit der universalen Geschichte der Wissenschaften. Wir wollen eines der fehlenden Glieder in der Historiographie der Wissenschaften ergänzen. Gemeint ist die Lücke, die besteht durch die irrige Vorstellung, die Renaissance habe unmittelbar an die Antike angeschlossen. Wir wollen die eigenständigen Leistungen der im islamischen Kulturkreis schöpferischen Gelehrten darstellen, die sie zwischen 900 und 1600 nach einer Periode der Rezeption und Assimilation geleistet haben. Diese Leistungen haben die Voraussetzungen geschaffen für eigene Kreativität in Europa seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Im 18. Jahrhundert, in dem die realitätswidrige historiographische Betrachtung der Wissenschaften unter der Definition "Renaissance," etwa im Sinne einer Verneinung oder Ignorierung der Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet des gesamten Mittelalters in Europa und im islamischen Kulturkreis, eine grosse Verbreitung fand, machte sich die naturwissenschaftliche Ausrichtung von Arabisten und Islamwissenschaftlern in Europa schon seit dem 17. Jahrhundert zunehmend bemerkbar. Durch die verdienstvolle Initiative dieser Vorläufer und ihrer unermüdlichen Nachfolger, deren Zahl sich in den nachfolgenden Jahrhunderten vergrösserte, wurden wichtige Korrekturen auf einigen Gebieten der Wissenschaftsgeschichte erreicht. Jedoch weiss der moderne Mensch zu wenig von der wirklichen Bedeutung des arabisch-islamischen Kulturkreises in der Universalgeschichte der Wissenschaften, und so ist die landläufige, einmal in die Welt gesetzte Definition der Renaissance unerschüttert geblieben.

Ich hoffe, dass dieses an einem wunderschönen Platz von Istanbul gegründete Museum zur Korrektur der unrichtigen historischen Betrachtung seinen Beitrag leisten wird.


Frankfurt/Main, den 17. April 2009                   Fuat Sezgin