Das Museum für Geschichte der Wissenschaft und Technik im Islam in Istanbul

Das im Mai 2008 eröffnete Museum liegt im Gülhane Park (Rosengarten), an einem der schönsten Plätze nicht nur Istanbuls, wo es sich entlang der alten Palastmauer in der ehemaligen Domäne (Has Ahırlar) auf 3500 qm erstreckt.

Vor dem Eingang des historischen Baus lädt eine Weltkugel, die Rekonstruktion einer der wissenschaftsgeschichtlich bedeutendsten Leistungen arabisch-islamischer Geographie, zum Besuch ein. Die im Auftrage des Kalifen Al-Ma'mûn (regierte 198-218 H./ 813-833 n.Chr.) angefertigte Weltkarte mit globularer Projektion gibt die Geographie der damals bekannten Welt in erstaunlicher Genauigkeit wieder. Entdeckung, wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung und museale Präsentation des Ma'mûn-Globus wie auch der weiteren über 500 den Besucher erwartenden Exponate sind der unermüdlichen Forschung von Professor Fuat Sezgin zu verdanken, der bereits im Jahre 1982 das an die Frankfurter Goethe-Universität angeschlossene Institut für die Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften gegründet hatte.

Jahrzehnte intensiver wissenschaftsgeschichtlicher Studien arabisch-islamischer Handschriften schufen die Voraussetzungen für den Fundus an Museumsobjekten, die heute dem Besucher anhand von detailgetreuen Rekonstruktionen wissenschaftlicher und technischer Errungenschaften aus der Zeit des 9. bis 17. Jahrhunderts eine einmalige Erkenntnisreise ermöglichen. Das Istanbuler Museum stellt eine Weltneuheit dar, lässt es doch erstmalig und umfassend die wissenschaftsgeschichtliche Evolution in unterschiedlichsten Disziplinen nachvollziehbar werden. Dabei führt die systematische Anordnung der Exponate aus den Bereichen der Astronomie, Geographie, Nautik, Zeitmessung, Geometrie, Optik, Medizin, Chemie, Mineralien, Physik, Technik, Architektur und Kriegstechnik vor Augen, dass epochale Entdeckungen und Erfindungen arabisch-islamischer Wissenschaften – das Arabische war in genanntem Zeitraum die universale Wissenschaftssprache – über verschiedene Wege nach Europa wanderten und dort Aufnahme fanden, rezipiert und adaptiert wurden. Dem Besucher stellt sich universelle Wissenschaftsgeschichte als ein kontinuierlicher Strom dar, der sich vor allem dort besonders anschaulich zeigt, wo arabisch-islamische Innovationen europäischer Rezeption im Modell gegenübergestellt sind.

Die wissenschaftsgeschichtlich überragenden Leistungen des islamischen Kulturraumes werden visualisiert und an Hand von Texttafeln ausführlich und mehrsprachig erläutert. Das Istanbuler Museum für die Geschichte der Wissenschaften und Technik im Islam folgt glücklicherweise nicht der Tendenz in europäischen Museen, dem Besucher nur noch wenige Zeilen zu den präsentierten Objekten zu liefern – im Gegenteil, es lädt ein, sich Zeit zu nehmen und die einmalige Zusammenschau der Geschichte der Wissenschaften zu ergründen. Ein Studiengang durch das Museum motiviert, sich anschliessend in die faszinierende Welt der Wissenschaft und Technik im Islam anhand der von Prof. Fuat Sezgin veröffentlichten fünfbändigen Ausgabe, die neben dem Deutschen und Französischen auch seit 2007 im Türkischen vorliegt, zu vertiefen.

Das Istanbuler Museum für die Geschichte der Wissenschaften und Technik im Islam hat eine besondere Ausstrahlungskraft, die sowohl in Ästhetik und Didaktik der Wissenschaftsobjekte als auch im Einklang von Erlebnis und Lerngewinn begründet ist. Istanbul ist damit um eine weitere wissenschaftsgeschichtlich so bedeutsame Brücke, die der Vermittlung öst-westlicher Wissenskultur dient, bereichert worden und lädt nicht zuletzt in Hinblick auf die Kulturhauptstadt Europas des Jahres 2010 zu einem Besuch ein. (DQ)